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Ludwig Quidde
Historiker - Demokrat - Pazifist
eine Biographie von Burkhard Gutleben
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Ludwig Quidde hat versucht, in seinem Wirken wissenschaftliche Tätigkeit
und politisches Engagement zu verbinden. Dass ihm dies nicht gelungen ist, dass vielmehr in seiner Biographie ein
Nacheinander von akademischer und politischer Aktivität festzustellen ist, lag allerdings weniger an ihm als
an seinen Zeitgenossen:
Als Quidde sich zum ersten Mal auf Grundlage historischer Kenntnisse politisch äußerte, hat ihn die
allzu obrigkeitsgläubige Fachkollegenschaft gleichsam exkommuniziert.
Dabei hatte seine wissenschaftliche Laufbahn zunächst recht gradlinig und vielversprechend begonnen. Am 23.
März 1858 in Bremen als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, begann Ludwig Quidde 1877 in Straßburg
das Studium der Fächer Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie. 1878 wechselte er nach Göttingen,
wo er 1881 mit seiner Dissertation über die Wahl des Königs Sigmund (1410/11) promovierte. In den folgenden
Jahren profilierte er sich mit weiteren Forschungen und Veröffentlichungen als Fachmann für die deutsche
Geschichte des späten Mittelalters. Er wurde als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die großangelegte
Edition der deutschen Reichsakten/ältere Reihe herangezogen. 1889 übernahm er die Gesamtleitung dieser
Reihe. Im gleichen Jahr gründete er eine eigene fachwissenschaftliche Zeitschrift, die ,,Deutsche Zeitschrift
für Geschichtswissenschaft". Die Leitung des Preußischen Historischen Institutes in Rom von 1890-92
brachte ihm die Verleihung des Professorentitels (auf eine Habilitation hatte er zugunsten der Editionstätigkeit
verzichtet). 1892 wurde er zum außerordentlichen Mitglied der Historischen Klasse der Bayerischen Akademie
der Wissenschaften gewählt. 1893-95 war er maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung der
ersten deutschen Historikertage beteiligt. Zu dieser Zeit schien der noch nicht 40-jährige ein würdiger
Nachfolger seiner Lehrer Baumgarten und Weizsäcker werden zu können.
Im Jahr 1894 verspielte Quidde jedoch seine wissenschaftliche Karriere durch die Veröffentlichung einer politischen
Schrift. Als Student hatte er bereits 1881 ein Pamphlet über "Die Antisemitenagitation und die deutsche
Studentenschaft" verfaßt und 1893 mit der "Anklageschrift" "Der Militarismus im heutigen
deutschen Reich" sein späteres Lebensthema gefunden. Diese Schrift war noch anonym erschienen. Seine
"Studie über römischen Cäsarenwahnsinn", betitelt "Caligula", ließ er
dann unter seinem Namen veröffentlichen. Einerseits wurde die Schrift mit über 30 Auflagen das erfolgreichste
Pamphlet im deutschen Kaiserreich, andererseits zerstörte die in satirischem Gewand vorgetragene Kritik an
Wilhelm II. und der wilhelminischen Gesellschaft seine wissenschaftliche Zukunft. Noch vor seiner Verurteilung
wegen Majestätsbeleidigung zogen sich die Fachkollegen vom persönlichen Kontakt und der Mitarbeit an
seiner Zeitschrift zurück. Ihm wurde der "Ehrenname eines Gelehrten" abgesprochen und die Leitung
der Reichstagsaktenedition entzogen. Nach 1894 hat Ludwig Quidde als Historiker so gut wie nichts mehr erarbeitet
oder veröffentlicht, dafür hat er sich um so mehr als Politiker betätigt. 1893 war er in die deutsche
Volkspartei eingetreten: von 1902 bis 1911 vertrat er sie im Münchner Gemeindekollegium, von 1907 bis 1918
im bayerischen Landtag. Die Fusion aller linksliberalen Parteien zur Fortschrittlichen Volkspartei 1910 hatte er
zunächst abgelehnt, wirkte dann aber doch noch in deren Zentralausschuß mit.
Wichtiger als sein parteipolitisches Engagement erwies sich zunehmend seine Tätigkeit in pazifistischen Organisationen.
1894 trat Quidde der zwei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) bei. Neben der moralischen
Ächtung des Krieges lag ihm die Friedenssicherung durch internationale Kooperation und Verträge am Herzen.
1901 wurde er deutscher Vertreter im internationalen Friedensbureau in Bern, seit 1907 arbeitete er in der Interparlamentarischen
Union mit. Im gleichen Jahr organisierte er in seiner neuen Heimatstadt München den ersten Weltfriedenskongreß
auf deutschem Boden. Seine zentrale Rolle in der deutschen Friedensbewegung kam durch seine 1914 erfolgte Wahl
zum Vorsitzenden der DFG zum Ausdruck.
Nach dem Rückschlag durch den ersten Weltkrieg nahm die Friedensbewegung mit neuen Kräften ihre Arbeit
wieder auf, die Rahmenbedingungen waren durch den Übergang vom Kaiserreich zur Republik zunächst günstiger.
Auch für Quiddes parteipolitisches Engagement gab es einen neuen Rahmen: Er schloß sich der 1918 gegründeten
Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an. Für diese Partei wurde er 1919 in die Nationalversammlung gewählt.
Daß er in den letzten Jahren danach jedoch nicht mehr als Kandidat für die Reichstagswahlen nominiert
wurde, deutet an, dass die Pazifisten in der DDP, die lange Jahre den Reichswehrminister stellte, keinen leichten
Stand hatten.
Gegen Ende der 20er Jahre wurde Quiddes Position auch in der Friedensbewegung
schwächer, obwohl seine internationalen Bemühungen 1927 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises anerkannt
wurden. Der auf internationale Verträge ausgerichtete Honorationenpazifismus vorweltkrieglicher Prägung,
wie ihn Quidde vertrat, wurde zunehmend von einem radikaleren Pazifismus jüngerer Kräfte verdrängt,
die eine antimilitaristische Massenbewegung aufbauen wollten. 1929 wurde Quidde von der Führung der DFG abgewählt.
Im gleichen Jahr brach das deutsche Friedenskartell auseinander; dieser Dachverband der pazifistischen Organisationen
war von ihm seit seiner Gründung 1921 geleitet worden.
Doch Erfahrungen und Führungsqualitäten des inzwischen über Siebzigjährigen waren noch einmal
gefragt: als sich 1930 die DDP mit dem eher rechtsstehenden Jungdeutschen Orden zur Deutschen Staatspartei zusammenschloß,
um ihr Überleben zu sichern, sammelten sich die Gegnerlnnen dieser Fusion in der Vereinigung Unabhängiger
Demokraten (VUD) und wählten Quidde zu ihrem Vorsitzenden. In der VUD arbeiteten die ,,zornigen alten Männer"
des deutschen Linksliberalismus (neben Quidde vor allem Hellmut von Gerlach und Freiherr von Schoenaich) mit dem
linken Flügel der Jungdemokraten zusammen. Als die Vereinigung sich wenige Monate später in die Radikaldemokratische
Partei (RDP) umwandelte, lehnte Quidde den ihm angetragenen Vorsitz ab, da er einer Parteineugründung - wie
sich zeigte, zu Recht - wenig Chancen gab. Er stellte sich aber der RDP zur Verfügung, solange demokratische
Parteiarbeit in Deutschland noch möglich war. Nach der Machtübernahme durch den Faschismus ging er im
März 1933 ins Exil nach Genf. Die ihm vom Osloer Nobelkomitee zufließenden Subventionen setzte er nicht
zuletzt für die Unterstützung von im Exil notleidenden Pazifistlnnen ein. Sein 80. Geburtstag wurde 1938
in der "Friedenswarte" durch zahlreiche Beiträge internationaler Persönlichkeiten gewürdigt.
Eine im Exil begonnene Darstellung des Pazifismus während des ersten Weltkrieges konnte er nicht mehr vollenden
(sie wurde kürzlich aus dem Nachlaß veröffentlicht). Ludwig Quidde blieb es nicht erspart, das
Scheitern seines Friedensengagements mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges zu erleben, bevor er am 5. März
1941 in Genf starb.
Eine Reihe von Rückschlägen - für den Wissenschaftler wie für den Politiker - läßt
sich in Quiddes Biographie verzeichnen. Um so mehr Respekt nötigt es uns ab, dass er in seinem langen Leben
nie die Kraft und den Mut verlor, sich für seine obersten Ziele, Demokratie und internationale Verständigung,
einzusetzen. |
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